Alfredo Häberli Studiobesuch

Interview von Anniina Koivu. Fotos von Anja Wille.

Der gebürtige Argentinier Alfredo Häberli, 55 Jahre, ist ein Schweizer Industriedesigner. Häberli vereint in seinem Design, das stark von seiner frühen Kindheit in Argentinien sowie seiner Neugierde auf den Alltag geprägt ist, Tradition und Innovation. Wir treffen uns mit Alfredo, um seine laufende Zusammenarbeit mit Iittala zu besprechen.

Heute lebt er an der "Schweizer Goldküste" und arbeitet in einem offenen Raum mit Blick auf den Zürichsee. Das Büro dient gleichzeitig als Studio, Werkstatt und Kuriositätenkabinett. An den Wänden hängen großformatige Tafeln. Jede Tafel ist mit einer farbcodierten Anordnung von gefundenen Objekten, Materialien und anderen individuellen, festgesteckten Elementen versehen. Holzpropeller und Schuhleisten, Traktorsitze und Fischgrillgitter, ein Iso Grifo-Streichholzschachtel-Auto von 1965, das neben einem zusammenklappbaren Trinkkelch steht, Zahnbürsten und Eishockeyhelmteile. Die Regale des Studios sind gefüllt mit kleinem Nippes, Sammlerstücken aus seltenem Glas, Materialtests und Prototypen - allesamt sorgfältig in einem Gitter platziert. In diesem lebendigen Archiv treffen wir uns mit Alfredo, um über seine frühe Arbeit mit Iittala und die kontinuierliche Zusammenarbeit zu sprechen, über Glasinnovationen, schwebende Weingläser und solche, die nicht brechen, sowie über die erfolgreichsten Projekte der letzten 20 Jahre, in denen er und Iittala zusammengearbeitet haben.

ANNIINA KOIVU Alfredo, lass uns über deine lange Geschichte mit Iittala sprechen. Viele deiner Projekte sind bereits zu Designklassikern geworden: 'Essence' (2001), 'Kids' Stuff' (2003) oder dein erstes gemeinsames Projekt 'Origo' (1999).

ALFREDO HÄBERLI Ich wurde von einem guten Freund, Stefan Ytterborn von der Stockholmer Agentur Ytterborn & Fuentes, zu Iittala eingeladen. Er baute die internationale "Relations"-Zusammenarbeit zwischen Iittala und Designern wie Konstantin Grcic, Björn Dahlström, Marc Newson, Antonio Citterio und so weiter auf. Ich hoffte, in die Serie aufgenommen zu werden, aber stattdessen sagte Stefan, es gäbe einen anderen Job für mich - einen viel anspruchsvolleren. Er wollte, dass ich eine neue Keramikserie für Rörstrand produziere. 

AK Der alt eingesessene schwedische Porzellanhersteller Rörstrand war gerade erst Teil der Iittala-Gruppe (heute Fiskars) geworden. Du kommst aus einer Familie, deren Traditionen in der Gastronomie liegen - deine Eltern führten in deiner Kindheit in Argentinien ein erfolgreiches Restaurant.

AH Das stimmt, ich bin sicher, dass mir mein Hintergrund geholfen hat. Mit Origo haben wir uns für einen unkomplizierten, analytischen Ansatz entschieden und gefragt: Wie viel Geschirr braucht ein Mensch wirklich zu Hause? Was ist die Alternative zu einem großen Service, das aus spezifischen, selten verwendeten Teilen wie Sauciere, Fischplatte, Terrine und so weiter besteht? So haben wir den Ausgangspunkt für "Zwischenobjekte" gefunden und die Gruppe auf sieben Teile reduziert.

AK So gibt es in der letzten Version drei unterschiedlich große Teller und drei Gefäße, von Tassen bis Schalen. Du hast sowohl an Ess- als auch an Serviergeschirr gearbeitet und universellere Gegenstände geschaffen, die für eine Vielzahl von Zwecken verwendet werden können.

AH Ja. Zum Beispiel der kleine Becher: er kann ein Eierbecher sein, aber auch für Digestifs oder sogar für Tabletten verwendet werden. Der mittlere Becher kann für Kaffee, aber auch für Oliven oder andere Snacks genutzt werden. Er hat einen Henkel, der aber kurz und flach ist - eine Abstraktion, die es ermöglicht, die Tasse nicht nur als Kaffeetasse zu sehen.

AK Die andere Innovation befindet sich auf der Unterseite jedes Artikels, wo sich ein Ring und ein kleiner Knopf in der Mitte befinden.

AH Normalerweise hat eine Untertasse eine zentrale Delle, um die Tasse zu sichern. Wir haben das Gegenteil getan und eine Erhebung hinzugefügt.

AK Tapio Wirkkala verwendete diese Art von Erhebung in seiner Serie "Captain", die speziell für den Einsatz auf einem Boot entwickelt wurde. 

AH Ja. Was auch immer Sie stapeln - ein anderer Teller, eine andere Tasse oder Schüssel - kann auf dieser kleinen Erweiterung befestigt werden. AK Origo war von Anfang an revolutionär, erhielt Preise und Einzug in die Sammlungen von Designmuseen. Aber sag mal, was ist mit den farbigen Streifen? AH Alle mögen etwas Farbe auf dem Tisch. Um Blumen zu umgehen, die ich nicht so gut kann, dachte ich, dass ein Regenbogen der weißen Serie das ultimative dekorative Flair verleihen könnte. Erst hatten wir nur den Eierbecher farbig gestaltet. Er wurde zum Hit, und der gesamte erste Produktionslauf war in wenigen Wochen ausverkauft. Schließlich kolorierten wir alle Gegenstände und Origo wurde Teil der Iittala-Kollektion. 

AK Twee jaar daarna arriveerden de drinkglazen van Essence, precies op een belangrijk moment voor de Finse eetcultuur. De drinkgewoonten veranderden, buiten de deur eten kreeg meer cachet, voor het eerst kregen Finse restaurants een Michelinster en mensen gingen meer wijn drinken. 

AH Iittala ist in diesem Wechsel mitgegangen.

AK Bis dahin hatten die meisten Weingläser im Katalog alle robuste Stiele. Nehmen wir Wirkkalas Serie "Tavastia" oder "Tapio", oder "Kekkerit" und "Jurmo" von Timo Sarpaneva.

AH Ja, davor - wir sprechen von vor 20 Jahren - neigten die Finnen dazu, Biergläser oder Wasserbecher zum Weintrinken zu benutzen, wenn sie überhaupt Wein tranken. Vor diesem Hintergrund stellten wir uns erneut die Frage: Was ist die Mindestanzahl an Artikeln, die auf einem modernen Esstisch benötigt werden? Die Antwort war sieben, plus eine Karaffe.

AK Essence ist eine sehr elegante Kollektion von ziemlich großen, leicht maskulinen Gläsern, die aus einem neuen und überraschend langlebigen Glasmaterialrezept hergestellt wurden.

AH Formal wollte ich eine maskulinere Form, damit sich Essence von der traditionellen weiblichen Form des Weinglases unterschied. Die Verbindung zwischen dem Kelch und dem besonders langen Stiel musste sehr filigran sein, und ich wollte einen ganz flachen Fuß.

AK Was war die erste Reaktion des Ingenieurs?

AH Man hielt mich für sehr jung und naiv. Sie fragten mich: "Alfredo, ist das dein erster Entwurf mit Glas? Das sieht man...", aber sie nahmen die Herausforderung an. Die einzige Lösung war, mit Pressglas zu arbeiten und ein neues Material zu entwickeln, das besonders hart und langlebig ist.... 

AK ...oder sogar unzerbrechlich, wie der Schweizer Künstler Roman Signer in einem seiner Experimente zeigte.

AH (lacht) Ja. Wir produzierten 20 Formen, die eine erhöhte Produktion von bis zu 25.000 Stück pro Tag ermöglichten. Alle bestanden aus einem gepressten Glasschaft, der an einem Becher unterschiedlicher Größe befestigt werden konnte. Und so passte schließlich alles zusammen. 20 Jahre später steht Essence immer noch auf vielen Esstischen, sowohl in Restaurants als auch zu Hause.

De-Signer Roman Signer für Alfredo Häberli

2006 war Alfredo Häberli Ehrengast der Kortrijk Biennale Interieur in Belgien, wo er eingeladen wurde, eine große persönliche Ausstellung zu gestalten. Er beschloss, nicht nur seine eigenen Arbeiten, sondern auch die lange Tradition des Schweizer Designs zu präsentieren. So brachte er für die Ausstellung mehr als 380 Exponate aus der Designsammlung des Museums für Gestaltung Zürich nach Belgien. Aus diesem Anlass veröffentlichte er auch das Buch "Design Live", das sieben Schweizer Künstlern freie Hand ließ, mit Alfredos Designstücken zu spielen. Einer der Künstler war Roman Signer (1938), der für seine witzigen Skulpturen und Performances mit Countdowns, Explosionen und durch die Luft fliegenden Objekten bekannt ist. Für das Kunstwerk 'De-Signer' nahm Signer ein Essence Glas, füllte es mit Rotwein und stellte es auf den Tisch 'Move It' (Thonet 1996) mit einer kippbaren Platte. Der Tisch wiederum stand über einem elektrischen Ventilator, wie er typischerweise in der Landwirtschaft verwendet wird, um trockene Luft in den Stall zu blasen. Ein Luftstoß katapultierte die Tischplatte nach oben und das Weinglas fiel zu Boden. Alfredo erinnert sich, dass er einen Anruf von Signer mit nur einer Botschaft erhalten hat: "Alfredo, du hast Recht, das Glas ist nicht zerbrochen."

AK Zwei Jahre später kam "Senta" (2003), eine weitere Glaskollektion. Senta war nicht so groß wie Essence, dafür femininer und besaß eine sehr schöne Facettenstruktur, die das Glas scheinbar über dem Tisch schweben ließ. 

AH Damals befürchteten wir, dass Essence zu elegant sei. Aber als Essence und Senta nebeneinander in den Regalen der Geschäfte standen, hatten die Menschen Essence bereits in ihr Herz geschlossen. Jetzt verrate ich noch einen kleinen Trick, der eventuell zur Popularität von Essence beitragen könnte, vor allem - aber nicht nur - an Orten wie Skandinavien. Weil Essence so groß ist, sieht das Glas fast leer aus, auch wenn eigentlich viel Wein in das Glas gegossen wird.

AK Du hast den Katalog nochmals erweitert, Materialien gemischt und eine ganz neue Zielgruppe erschlossen: Kinder. Nur ein Jahr später, im Jahr 2003, wurde Kids' Stuff vorgestellt. 

AH Zu dieser Zeit war mein Sohn Luc etwa zwei Jahre alt. Das Projekt entstand ganz natürlich. Ich verstand viele Dinge, indem ich ihn einfach beobachtete. Zum Beispiel waren seine Hände zu klein, um ein Glas mit einer Hand zu halten. Aber ein normales Glas um 20 % zu verkleinern, war nicht die Lösung. Vielmehr lag das Problem in der Form des Gefäßes. Also habe ich eine kurvenreiche Silhouette geschaffen. Ebenso hat das Besteck einen angehobenen Griff, der es einem Kind ermöglicht, leicht eine Gabel, ein Messer oder einen Löffel zu greifen und sicher zu halten. Das abgeschrägte Ende hält es sicher am Tellerrand und verhindert, dass es ins Essen rutscht.

AK Du wolltest Kinder ernst nehmen.

AH So wie man mit Kindern ganz normal auf Augenhöhe sprechen sollte, glaube ich, dass sie die Möglichkeit haben müssen, Gegenstände einfach zu handhaben. Sie sollten nicht frustriert sein müssen, weil sie keine Erbsen auf einen Löffel bekommen.

AK Das ist auch für Erwachsene nicht immer ein einfaches Unterfangen.....

AH Das ist wahr. Aber Kinder bekommen mit meinen Tellern eine zweite Chance: wenn es am ersten Rand nicht funktioniert, gibt es einen weiteren Versuch am äußeren Rand. Essen sollte keine schwierige Angelegenheit sein, sondern Spaß machen.

AK Im Allgemeinen besteht das Problem mit Kindergeschirr darin, dass es oft schlecht gemacht ist, aus Angst, dass Kinder aus den Gegenständen herauswachsen oder sie zerbrechen. Stattdessen wird in Kids' eine Vielzahl von hochwertigen Materialien eingesetzt. Neben Keramik, Glas und Metall hast du auch Holz und Kunststoff verwendet. 

AH Das Schneidebrett und das Buttermesser aus Wacholderholz stammen aus meiner eigenen Kindheit. Früher hatten wir eine Frühstücks- und eine Nachmittagspause, in der wir Brot und Butter aßen, mit Zucker obendrauf. Diese "Znüni" und "Zvieri" (Neun-Uhr- und Vier-Uhr-Pause) sind in Schweizer Kindergärten noch immer ein alltägliches Ritual. So konnte ich meine Kindheit und die finnische Tradition zusammenbringen. Die Idee hinter dem Plastiktablett war keine Hommage an Fast Food - um Gottes Willen! - sondern es sollte es den Kindern leichter machen, ihr schmutziges Geschirr in die Küche zu bringen. Ich weiß, dass mein Sohn immer schnell aß und wieder zum Spielen zurück wollte - mit dem Tablett konnte er flugs beim Abräumen des Tisches helfen, dann verschwand er. Leider war das Tablett teuer in der Herstellung, und das war wohl einer der Gründe, warum die Produktion von Kids' Stuff schließlich eingestellt wurde. 

AK Das zwanzigjährige Jubiläum von Origo steht in diesem Jahr an, und Essence folgt 2021. Du arbeitest in der Zwischenzeit an einer neuen Kollektion.

AH Wir entwickeln eine neue Serie aus Keramik und Glas, die Essence ergänzt. Nächstes Jahr siehst du, was wir uns diesmal ausgedacht haben.