Hinter dem Riesen

Fotografie: Kaisa Sojakka & Nina Merikallio Interview: Matilda Kivelä.

Als Mitarbeiterin und Ehefrau des verstorbenen Timo Sarpaneva hatte Marjatta Sarpaneva in der Geschichte des finnischen Designs jahrzehntelang einen Platz in der ersten Reihe. Und sie hat alles dokumentiert. Wir haben sie in der familieneigenen Galerie besucht, um uns über Timo Sarpaneva und die Schönheit von Glas zu unterhalten.

Über die Kunst von Timo Sarpaneva und sein Claritas-Sortiment
"Als Künstler wurde Timo Sarpaneva tatsächlich in einer Glasfabrik von Iittala geboren. Für ihn war es der Himmel auf Erden. Ich kannte ihn nicht, als der jung war, aber jedes Mal, wenn er die Fabrik betrat, fielen seine Lebensjahre wie eine Staubschicht von ihm herunter und er wurde wieder zu einem strahlenden Teenager. Ich habe ihn oft in die Fabrik begleitet, nur um diese erstaunliche Verwandlung zu beobachten. Er lebte in einer Symbiose mit der Fabrik und den Mitarbeitern. Als er Claritas entwickelte, hat er mit den Glasbläsern Tag und Nacht gearbeitet. Er hat in der Fabrik in Abständen von 15 Minuten auf Transportpritschen geschlafen und dann die Jungs in der Fabrik angewiesen, ihm nach dem Aufwachen Schokolade und salzige Lakritze zu bringen. Heikki Punkari, Timos rechte Hand, erinnert sich gerne an die Herstellung von Claritas. Gemeinsam haben sie in sechs Wochen vierundsechzig Variationen der Claritas-Technik hergestellt und jedes war ein Meisterwerk für sich."

Über Timos Vorgehensweise
"Die Möglichkeiten und Einschränkungen beim Glasblasen begrenzen die Arbeit des Designers, aber Timo war immer begeistert, innerhalb der verschiedenen Grenzen zu arbeiten, die von der Unbeständigkeit des Glasmaterials vorgegeben waren. Er konnte schnell umschalten und seine Pläne aufgrund der Expertenmeinung der Glasbläser ändern, dabei aber das Ergebnis so nah wie möglich an seinen Zeichnungen halten. Es ist unmöglich, Glas auf eine zwanghafte Art und Weise zu bearbeiten - es könnte die Form nicht wie gewünscht ausfüllen oder sich in eine falsche Richtung biegen. Die Leute glauben oft, dass Kunstglasbläserei und Industrieglasbläserei im gleichen Rahmen stattfinden, aber es sind zwei verschiedene Dinge. Im Industriedesign müssen die Objekte rational hergestellt werden und Pläne müssen aufgrund der Einschränkungen von Techniken und verwendeten Materialien geändert werden."

Über den Kult des Designers
"Wenn in der Ausbildung neuer und junger Designer die Bedeutung des Designers überbetont wird, ist das der schlimmste Fehler, den man machen kann. Designer auf ein Podest zu stellen, war einer der größten Schwachpunkte, die wir in der Geschichte des finnischen Designs gemacht haben. Es macht mich wütend. Der Designer ist nur ein Teil des Teams. Er kann nicht existieren, wenn er in der Fabrik kein Team hinter sich hat, mit dem er auf ein gemeinsames Ziel hinarbeitet. Denken Sie zum Beispiel an einen Komponisten. Wenn er eine Partitur schreibt, ist es ein Stück, aber wenn niemand sie spielt, ist es nur ein Blatt Papier. Das Entwerfen basiert auf demselben Prinzip. Ohne ein Team ist es nur eine Zeichnung. Timo war ein brillanter Künstler, aber er hätte niemals jemandem erlaubt, sein Team herabzusetzen oder es aus der Geschichte zu löschen."

Über Glas als Material
"Alles an Glas ist magisch. Es ist erstaunlich zu glauben das Glas, in Essenz, nur Erde ist, im Grunde die gleiche Erde, auf der wir laufen. Die Art, wie Glas bearbeitet wird, ist auch magisch. Haben Sie jemals darüber nachgedacht, welche Rolle Wasser, Schwerkraft oder Zentrifugalkräfte spielen? Es ist wie aus einem Märchen! Man muss nicht die Brüder Grimm lesen, besuchen Sie einfach eine Glasfabrik."