Die Farben von Alvar Aalto

Text: Anniina Koivu. Fotografie: Bryan Saragosa.

Im Sanatorium Paimio in Turku (Finnland) zieht ein an der Wand des Informationsbereichs hängendes, gerahmtes Gemälde die Blicke der Besucher auf sich. Mit seinem mehrfarbigen Fleckenteppich in einer breiten, offenen V-Form sieht das Gemälde aus wie abstrakte Kunst. Bei genauerer Betrachtung fällt jedoch auf, dass es sich hierbei um den Grundriss des Sanatoriums handelt. Die Farbkarte gibt die ursprünglich in den verschiedenen Abteilungen des Spitals verwendeten Farbtöne wieder.

Das für die Behandlung von Tuberkulose-Patienten im Südwesten Finnlands gebaute Sanatorium Paimio wurde im Sinne der von Alvar Aalto geprägten Moderne entwickelt. Jedes Detail in dem komplett durchdachten Gebäude ist einem bestimmten Bedarf geschuldet. So sollte ein Raum geschaffen werden, der als Ganzes heilsam wirkt. Die Möbel und Einrichtungsgegenstände des Sanatoriums wurden speziell für die architektonische Räume entworfen, in denen sie zum Einsatz kamen. Jedes Farbelement wurde mit Bedacht ausgewählt.

Bevor man Antibiotika gegen Tuberkulose fand, herrschte in den 1930er Jahren die Auffassung, dass man die teuflische Krankheit am besten mit frischer Luft und Sonnenlicht behandeln könne. Daher gab es im Sanatorium zahllose, lichtdurchflutete Räume. Die Patientenzimmer waren durch große, vertikale und nach Süden ausgerichtete Fenster mit der umgebenden Landschaft verbunden. Die Dachterrasse mit Blick auf die Kiefernwipfel wurde mit Außenmöbeln zum Sonnen an der frischen Luft eingerichtet.

Doch nicht nur die architektonische Raumgestaltung richtete sich nach der Krankheit: Die Bedürfnisse der Kranken wurden beim Entwurf jedes einzelnen Möbelstücks mitberücksichtigt. Am berühmtesten ist der niedrige Holzsessel Paimio: Der als Sitzgelegenheit für Tuberkulose-Patienten entworfene Sessel war bequem und hygienisch, ohne wie ein steriler Klinikstuhl auszusehen.

Aalto griff außerdem das Potential der Farben als heilungsfördernd auf und setzte sie im gesamten Gebäude bewusst und zielgerichtet ein.

Als das Sanatorium Paimio im Jahr 1932 eröffnet wurde, zählte es zu den weltweit führenden Behandlungszentren für Tuberkulose-Patienten. Das Gebäude selbst wurde sofort ein Symbol des architektonischen Funktionalismus und verhalf dem jungen Architekten Alvar Aalto schlagartig zu internationalem Ruhm.

Der eingerahmte Grundriss mit Farbeinteilung, von dem nur noch ein weiteres Exemplar im Aalto Museum in Jyväskylä erhalten ist, wurde am Ende der Bauarbeiten als Farbverzeichnis für das Gebäude erstellt.

Es stammt vom Künstler Eino Kauria, der von Aalto zur Arbeit auf der Baustelle beauftragt wurde. Kauria war für die Malerarbeiten verantwortlich und ordnete die Farbgebung an. Kauria hielt sich genau an die kraftvolle Farbvision von Aalto. In einem Interview aus dem Jahr 1986 erinnerte Kauria daran, wie genau es Aalto mit seinen Farben nahm und wie farbenfroh das Spital letztendlich tatsächlich wurde.

Der Bodenbelag aus leuchtend gelbem Gummi im Treppenhaus des zentralen Gebäudeflügels und an den Flursockeln verstärkte den Eindruck von Helligkeit und Sonneneinstrahlung. (An dunkleren Winterabenden sorgten die hellen Flure dafür, dass das Gebäude wie eine Lampe zu glühen schien). Rote Rohre deuteten auf Heizelemente hin. Durch den Einsatz verschiedener Blautöne – von Himmelblau bis Mintgrün und Petrol – wurde in den gemeinschaftlich genutzten Räumen eine wohltuende Atmosphäre geschaffen. Warme Kiestöne und dunklere Grautöne wurden mit Ocker, Orange, Ziegelrot oder hellem Senfgelb kombiniert. Die Decken in den Patientenzimmern wurden in sanften dunkelgrünen Farbtönen gestrichen, von denen eine beruhigende Wirkung für die Bettlägerigen ausgehen sollte.

Leider ist die Farbkarte heute nur noch ein Relikt aus der Vergangenheit. Im Gebäude sind nur noch wenige der ursprünglich verwendeten, rund 20 Farben vorhanden. Nachdem das Sanatorium als Behandlungszentrum für Tuberkulose ausgedient hatte, wurden die meisten Wände weiß getüncht.

Doch vor kurzem wurde die Farbkarte von Kauria als Ausgangspunkt für eine umfassende Farbstudie aufgegriffen. 2015 rekonstruierte eine Forschergruppe der Stiftung Alvar Aalto die ursprünglich im und am Sanatorium verwendeten Farben und wurde dabei teilweise mit Mitteln der Getty Foundation im Rahmen ihrer Projektinitiative „Keeping it Modern“ unterstützt. Die Ergebnisse fließen in einen Plan zur Erhaltung des Gebäudes ein. Schutzmaßnahmen und langfristige Instandhaltungsstrategien sollen so die Zukunft des Gebäudes sicherstellen.

Dank dieser Forschung ist eine Sache glasklar: Farbe spielte im Rahmen der Vision von Aalto eine zentrale Rolle, und seine ursprüngliche Farbpalette war alles andere als minimalistisch.

Findet die rationale Verwendung der Farben am Beispiel des Tuberkulose-Zentrums auch in seinen Glasobjekten Anwendung? Ging er beim Entwurf seiner dekorativen Savoy-Vase genauso pragmatisch vor wie beim Einsatz der Farben zugunsten einer Architektur des Wohlbefindens? 

"Absolut", antwortet der langjährige Iittala-Designer Harri Koskinen mit einem Lächeln. "Aalto ist die Farbauswahl seiner Vase aus dem Jahre 1936 sehr pragmatisch angegangen."

Anfänglich entwirft Aalto seine erste Vase für einen von Iittala ausgeschriebenen Glaswettbewerb. Markant war dabei der rätselhafte Titelcode, den er seinem Wettbewerbsbeitrag voranstellte: "Eskimo Girl’s leather pants" (Lederhose eines Eskimo-Mädchens). Die geschwungene, asymmetrische Form der Vase war neuartig und sagte der Jury zu. Obwohl die Herstellung technisch anspruchsvoll war, gewann dieser Entwurf den Wettbewerb. Die erste Serie der Vase wurde in fünf Farben angefertigt: Sky (oder Azur) Blue, Sea Green und Smoke, Braun und Klar. Die Farben sind wundervoll. Aber warum hat Aalto genau diese ausgesucht?

Die Antwort ist praktischer Art. Im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts widmete sich die Glasindustrie neben den industriellen Lagerwaren hauptsächlich der Herstellung von kleinformatigem Geschirr. "Aalto entschied sich für die Farben, die bereits erhältlich waren", erklärt Koskinen. Grünes und braunes Glas gab es dank der wichtigen funktionalen Aspekte reichlich. "Aufgrund ihrer lichtabwehrenden Eigenschaften werden grüne und gelbe Flaschen, Gläser und Gefäße nach wie vor für Lebensmittel oder pharmazeutische Verpackungen verwendet. Die Aalto-Vase wurde ursprünglich aus dem gleichen Glas wie diese Alltagsprodukte geblasen. So einfach ist das."

Dr. Mikko Aromaa, Glaschemiker bei Iittala, erläutert dies genauer. "Die Farbe eines Glasobjektes hängt von der Rein- und Feinheit des Glasrohstoffs ab. Iittala schmolz traditionsgemäß lokalen, tendenziell gröberen Sand mit mehr Eisenverunreinigungen. Zu jener Zeit waren die Leute an Unreinheiten im Glas und an Farbabweichungen gewöhnt." Stattdessen legten die Verbraucher mehr Wert auf die Funktionalität. Glaswaren sollten robust, zweckmäßig und eher kleinformatig sein, um in die neuen Stadtwohnungen mit begrenztem Platz zu passen. Dekorative Aspekte waren zu der Zeit zweitrangig. "Standard-Glaswaren waren meist grün, braun oder blau. Sogar klares Glas war nie vollkommen klar, sondern hatte einen Grün- oder Blauschimmer", führt Aromaa weiter aus. 

In größerem Umfang wurden neue Glasfarben erst nach dem Zweiten Weltkrieg eingeführt, als Verbraucher sich allmählich mehr für Deko-Artikel interessierten. Laut Aromaa war dies wahrscheinlich auch die Zeit, in der man sich auf die Suche nach vollkommen klarem Glas machte. "Reinheit und Helligkeit von Glas entwickelten sich zu Qualitätskriterien, ebenso wie Farbgenauigkeit. Glasfabriken begannen damit, das natürlich getönte Glas durch den Einsatz von Zusatzstoffen mit Komplementärfarben auszugleichen."

Seit den 1950er Jahren wurde die Aalto-Kollektion durch drei neue Farben ergänzt: Kobaltblau, Rubinrot und Opalglas.

"Theoretisch ist es heutzutage möglich, Glas in jeder beliebigen Farbe herzustellen." Aufgrund des gesetzliches Verbots schädlicher Inhaltsstoffe werden aber nicht alle Farben verwendet. Nehmen wir als Beispiel die auf Cadmiumbasis gefärbten Aalto-Vasen in Rubinrot aus den 1950er Jahren. "Diese Vasen werden nicht mehr hergestellt, da sich die Produktion als schädlich für die Arbeiter herausstellte", so Aromaa. Das Verbot gilt auch für das bei UV-Licht leuchtende Uranglas wie bei Jim Carreys grüner Maske. Iittala griff dem anstehenden EU-Verbot von Cadmium vor und untersuchte alternative Rezepturen für die Herstellung von Rubinrot. Heute sorgt Kupfer für das kräftige, ausdrucksstarke Cranberry-Rot im Glas. Immerhin ist das rote "i" so etwas wie das Warenzeichen der Marke geworden. Für rotes Glas sind nach wie vor höchst geschickte Glasbläser vonnöten. "Morgens bei Arbeitsbeginn weiß der Glasbläser nie, welcher Farbton am Ende herauskommt. Manche Rottöne sind dunkler oder heller, enthalten ein wenig mehr Orange oder Braun. Das gehört bei rotem Glas einfach dazu", sagt Aromaa lächelnd und hält kurz inne. "Und dann sind da noch ein paar clevere Kniffe, unser am strengsten gehütetes Geheimnis."

Bei so viel potentieller Vielfalt – in der aktuellen Kollektion von Iittala stecken 71 aktive Farben – besticht die Aalto-Vase mit "nur" elf Farbtönen.

"Stimmt, theoretisch ist vielleicht alles möglich, aber jede farbliche Ergänzung der Aalto-Vasen muss wohl überlegt sein", so Koskinen. Die ursprünglichen Absichten des Autors verdienen Respekt und Schutz. Zu diesem Zweck wird bei jeder neuen Ausführung der Rat der Aalto-Stiftung eingeholt.

Es sind zwar keine Original-Aussagen von Alvar Aalto über die Farbgebung überliefert, aber aus seinen allgemeinen Design-Ansprüchen machte er keinen Hehl. Es ist davon auszugehen, dass diese Ansprüche auch für Farben gelten. 

In Aaltos Welt dient die Architektur einem Zweck, nämlich "die materielle Welt harmonisch mit dem menschlichen Leben verknüpfen." Aaltos Welt ist ein Ort, an dem der Türgriff sozusagen der "Händedruck eines Gebäudes" ist. Er eröffnet uns einen Raum mit Erlebnissen für all unsere Sinne. Die Materialien müssen den Menschen emotional entgegenkommen, in puncto Reinheit wie auch in Sachen Patina, die sie mit der Zeit annehmen. 

Zu dieser Beschreibung lässt sich nur noch hinzufügen, dass Farben auch zur Besserung des menschlichen Wohlbefindens eingesetzt werden sollten. Sogar eine kleine, dekorative Vase kann mit ihrer angenehmen Ausstrahlung zur intimen Gesamtatmosphäre im Raum beitragen – egal ob im eigenen Wohnzimmer oder im öffentlichen Krankenhaus.