Die richtige Atmosphäre

Interview von Marco Velardi

Angesichts der bevorstehenden Zusammenarbeit mit Iittala haben wir uns mit dem britischen Designer Jasper Morrison zusammengesetzt und darüber unterhalten, warum es für seine Arbeit so zentral ist, die passende Atmosphäre zu schaffen.

"Vom 8. September 2018 bis zum 11. November 2018 findet im Iittala & Arabia Design Centre in Helsinki die Ausstellung Jasper Morrison – Objects and Atmosphere statt. Die Ausstellung, deren Kurator Jasper Morrison selbst ist, zeigt Werke aus seiner langen und erfolgreichen Karriere sowie seinen Film über Designobjekte mit Kultstatus, A World Without Words."

Morrisons Denken und Design haben die Entwicklung von Produkten beeinflusst, die von Millionen von Menschen genutzt werden. Er ist überzeugt, dass es nicht die Aufgabe von Designern ist, Formen zu erfinden, sondern dass sie für die Umgebung offen sein und Gegenstände „durch strenge Analyse oder – was befriedigender ist – Intuition und Zufall“ an neue Einsatzzwecke anpassen müssen. Insbesondere interessieren ihn ausgesprochen funktionale Gegenstände für den täglichen Gebrauch, deren Form häufig von einem anonymen Designer stammt. Er bewundert „die geheimnisvolle Qualität und Natürlichkeit, die anonyme Gegenstände so häufig auszeichnet, wenn das Ego ihres Schöpfers außen vor bleibt“. Seiner Ansicht nach erinnern solche anonymen Gegenstände Designer daran, dass „ein Gegenstand in der echten Welt nur überlebt, wenn er langfristig nützlich ist“.

Illustration von Jasper Morrison

Marco Velardi: Ich habe den Eindruck, dass bei Berichten über Ihre Arbeit sehr oft der Begriff „Atmosphäre“ fällt, und als wir das letzte Mal über Ihre bevorstehende Kollektion für Iittala sprachen, sagten Sie, dass „die Atmosphäre des Tischs heute wichtiger“ als das perfekt abgestimmte Geschirr ist. Was bedeutet Atmosphäre für Sie wirklich?

Jasper Morrison: Als extremes Beispiel dafür, wie leicht sich eine Atmosphäre zerstören lässt, müssen Sie nur an die eckigen Teller und sehr großen Weingläser denken, mit denen viele Restaurants zum Ausdruck bringen möchten, dass ihre Gerichte Kunst sind und dass der Wein so gut ist, dass man ihn schmecken und nicht trinken soll. Am anderen Ende der Skala stehen die bescheideneren und weniger überheblichen Restaurants, die glauben, dass ihre Speisen und ihr Wein den Gast mit ihren eigenen Qualitäten und ohne übertrieben formelle Aufmachung überzeugen sollen. Zu Hause wäre es lächerlich, diese überholte Strategie der Übertreibung nachzuahmen; die Gäste würden sich angesichts von Formalität und Protz unwohl fühlen. Was wir brauchen, ist das genaue Gegenteil – Geschirr, das dazu beiträgt, eine natürlichere und lockerere Atmosphäre zu schaffen. Die Designs sollten diskret sein, aber etwas aussagen, praktisch und dabei nicht langweilig sein, und es sollte keine offensichtliche optische Verbindung zwischen Teller, Glas und Besteck geben, denn dann würde sich ein Thema zu sehr in den Vordergrund drängen. Beispielsweise wäre es nicht angemessen, ein Weinglas passend zu einem Teller zu gestalten, anstatt so, dass man damit möglichst gut Wein genießen kann, ohne durch unnötigen Detailreichtum abgelenkt zu werden. Alle Elemente auf dem Tisch sollten ihre Funktion ähnlich erfüllen, nämlich, den optimalen Genuss der Speisen und Getränke zu ermöglichen und möglichst wenig davon abzulenken.

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Gemälde der Raami-Kollektion von Nathalie Du Pasquier.

MV: Wenn Sie schon vom Konzept minimaler Ablenkung sprechen: Was ist mit der Wechselbeziehung zwischen Gegenstand und Umgebung, wie beeinflusst dieses Verhältnis Ihren Designprozess?

JM: Neunundneunzig Prozent aller Designobjekte sollen schnell auffallen, das gehört zur Marketingstrategie sehr vieler Unternehmen. Aber Gegenstände, die man sofort bemerkt, sind normalerweise für den täglichen Gebrauch nicht optimal. Sie stören durch ihre übermäßige Präsenz die Atmosphäre. Die Gegenstände, die am besten zur Atmosphäre beitragen, fallen meist weniger direkt ins Auge; es braucht eventuell etwas Zeit, bevor man sie wegen ihrer Funktionalität und ihrer subtileren, diskreten Präsenz zu schätzen weiß. Das liegt am ausgewogenen Verhältnis zwischen Aussehen und Funktion; sie wurden so gestaltet, dass sie ihre Funktion gut erfüllen und zur richtigen Atmosphäre beitragen, statt nur ins Auge zu fallen. Beim Design geht es darum, diese Variablen so ins Lot zu bringen, dass ein Gegenstand sowohl praktisch als auch atmosphärisch funktioniert – beides ist wichtiger, als es aussieht.

MV: Funktionalität schreckt nicht unbedingt vor Aussehen oder Trends zurück, besonders heutzutage. Würden Sie sagen, dass es bei Ihrer Designarbeit nicht ums Aussehen geht?

JM: Es geht ums Aussehen, aber das Aussehen steht im Dienst des atmosphärischen Potenzials des Gegenstands. Das Aussehen steht nicht als wichtigster Faktor im Mittelpunkt, damit andere Qualitäten hervorstechen können. Wenn Sie zu Hause etwas haben, das im Alltag besonders gut funktioniert, auf das Sie immer wieder zurückkommen und dem Sie den Vorzug vor vergleichbaren Gegenständen geben, oder bei dem Sie es besonders bedauern würden, wenn Sie es verlieren oder es kaputtgeht, dann liegt das sehr wahrscheinlich nicht am Aussehen, sondern an der Funktion. Ich bin beim Design an dieser Funktion interessiert, und ich habe festgestellt, dass bei den erfolgreichsten Gegenständen fast immer Aussehen, atmosphärisches Potenzial und Funktionalität im Gleichgewicht sind. Wenn diese drei Faktoren ausgewogen sind, erfüllt der Gegenstand seinen Zweck besser.

MV: Leonard Koren schrieb in seinem Buch „Arranging Things“: „Die meisten Arrangements fallen kaum auf, aber manche hauen einen um. Ein 'erfolgreiches' Arrangement, also ein wirkungsvolles Arrangement, ist eines, dass die Aufmerksamkeit auf sich zieht und nachhaltig Interesse weckt.“

JM: Das ist ein gutes Thema. Zwei Bilder nebeneinander können eine ganz andere Bedeutung haben als getrennt. Wenn man einen Stuhl in einem Zimmer durch einen anderen ersetzt, erhält man eine andere Atmosphäre. Die Anordnung von Gegenständen steht beim Design immer im Mittelpunkt. Es gibt ein Zitat von Buckminster Fuller, das ungefähr lautet: „Design ist, Teile so anzuordnen, dass man ein besseres Ergebnis erreicht“.